Von Hufeisen und Drachen

Mein Name ist Johann Matthäus Bremme. Ihr erinnert euch?

Ich bin einer der Nachtwächter der Stadt Leipzig.

Als Nachtwächter habe ich ja einen wirklich ruhigen Beruf und ich weiß es auch inzwischen zu genießen, weit weg vom hektischen Treiben der Stadt meine Runden zu drehen.

Kennt ihr eigentlich die Stelle an der Nikolaikirche, dort wo sich das Hufeisen befindet?

Hier bei Leipzig hat sich eine Geschichte zugetragen, die mich immer wieder aufs Neue berührt; denn, wenn die nicht gut ausgegangen wäre, dann würde es Leipzig heute gar nicht geben.

Also, hört!

Im 7. Jh. kamen die Sorben zusammen, um hier eine Ortschaft zu gründen und sie nannten ihr Dorf Lipsk, nach dem sorbischen Begriff „Lippa“ die Linde. Wo Flüsse zusammenfließen ist nicht nur ein triftiger Grund zum Siedeln, sondern hier befindet sich also ein feuchtes, sumpfiges Gelände. In diesem finsteren Land lebte aber ein Lindwurm; so ein feuerspeiendes Untier, ein Drache, der immer Hunger hat. Und er forderte seinen Tribut: Schafe, Schweine, Kühe. Als auch diese gefressen waren, war guter Rat teuer. Was sollte man tun? Da kam der Dorfrat auf die ungeheuerliche Idee: „Wir schicken dem Feuerspeier zur Beruhigung eine Jungfrau.“ Alle waren (naja, fast alle) damit einverstanden.

Was soll ich euch berichten? Ausgerechnet die Tochter des Dorfältesten hat’s getroffen. Alles Jammern half nicht; die Jungfrau wurde hübsch angezogen und zum Drachen geschickt.

Da kam von Norden der Georg im flotten Galopp angeritten und brüllte schon von weitem: „Ich bin der Georg, ich bin ein Held, ich werde euch von dem Drachen befreien!“

Die Dorfbewohner winkten ab. „Das haben schon viele versucht! Niemand ist zurückgekehrt! Man kann das Ungeheuer nicht besiegen! Aber gut Georg, versuch‘ er sich! Vielleicht gelingt es ihm ja wenigstens die Schöne zu retten“.

Der Georg schwang sich sofort auf sein Pferd. Er gab dem Pferd die Sporen. Das riss die Hufe hoch; ein Hufeisen ging sogar verloren. Und ab ins finstere Land.

Aus dem finsteren Land kam inzwischen der Drache, der sah die Schöne und freute sich schon. Und dann vernahm er den Georg. Der Drache bäumte sich auf und riss seinen Schlund weit auf, als wolle er Reiter samt Ross mit einem Male verschlingen. In dem Moment nahm der Georg seine Lanze und stach dem Drachen in den Rachen, er sprang vom Pferd, nahm sein Schwert und schlug dem Drachen das Haupt ab!

Was hat Georg weiter getan? Er hat die Hübsche vorn auf den Sattel gesetzt und ist mit ihr zurück ins Dorf.

Georg wurde als Held gefeiert und hatte einen Wunsch frei. Und was wünschte er sich? – Für sein Pferd ein neues Hufeisen!

Irgendwann haben unsere Altvorderen ein Hufeisen gefunden und an der Kirchrückseite in Erinnerung an Georgs Heldentaten einen würdigen Platz gegeben.

Ausgerechnet die Anstalt der armen Waisenkinder, der Geisteskranken und der Verbrecher in der Nähe der Ostseite des Brühls – ein Zuchthaus – erhielt später seinen Namen: Sankt Georgen.

Die Welt scheint mir aus den Fugen zu geraten!

Jetzt Rundgang mit Nachtwächter Bremme buchen.

von Johann Matthäus Bremme

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